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Varusschlacht Kalkriese: vom Mythos zum Museum

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Varusschlacht - Kalkrieser Berg
Ort des Geschehens: der Kalkrieser Berg am Wiehengebirge

Der Mythos Varusschlacht

Der Fundort Kalkriese

Wir haben es nicht das erste Mal besucht: das Museum und den angeschlossenen Park zur Varusschlacht in Kalkriese. Dieses liegt nahezu fußläufig erreichbar vor unserer Haustür und ist ein kulturelles Aushängeschild des Osnabrücker Landes, wie man es sich als touristische Destination und wissenschaftlichen Fundort nur wünschen kann.

Zugegeben: Es ist nicht mit letzter Sicherheit zu belegen, dass die legendäre Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. wirklich hier am Fuße des Kalkrieser Berges im Wiehengebirge stattgefunden hat. Die in den letzten Jahrzehnten gemachten archäologischen Funde sprechen zumindest für ein sehr intensives Kriegsgeschehen rund um den fraglichen Zeitpunkt. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand ist Kalkriese der wahrscheinlichste Ort des folgenreichen Aufeinandertreffens von Römern und Germanen kurz nach Christi Geburt. Mit dem notwendigen Lokalpatriotismus ist man aber geneigt, darin ohne Zweifel die nach dem unterlegenen römischen Feldherren genannte Varusschlacht zu sehen.

Meine Fachkenntnisse als Kunsthistoriker mit vertieften Einblicken in die Disziplinen Geschichte und Archäologie reichen aber nicht so weit, den schon lange währenden Streit um die Lokalisierung der Varusschlacht hier aufzurollen und abschließend werten zu können. Also lassen wir lieber den Mythos des Geschehens und die Magie des Ortes auf uns wirken, die man auf dem Gelände am Fuß des Kalkrieser Berges gekonnt in Szene setzt.

Varusschlacht - Gesichtsmaske
Spektakulärer Fund in Kalkriese: römische Gesichtsmaske eines Reiters

Varus und Arminius

Wer die Geschichte hinter der Varusschlacht nicht kennt, dem sei sie kurz geschildert: Die Grenze des römischen Imperiums verlief zu Zeiten von Christi Geburt entlang des Rheins. Linksrheinisch lag die römische Provinz Gallien, in den rechtsrheinischen Gebieten siedelten zahlreiche germanische Stämme. Kaiser Augustus unternahm über Jahrzehnte hinweg den Versuch, diese Rom untertan zu machen.

9 n. Chr. befand sich ein Heer aus drei römischen Legionen unter dem Befehl des Statthalters Publius Quinctilius Varus auf dem Weg durch Germanien zu einem Winterlager. Mit diesem Heer marschierte der Cherusker Arminius, der als Germane zu römischem Bürgerrecht und der Ritterwürde gelangt war. Möglicherweise hatte er seine Kindheit in Rom verbracht und eine militärische Ausbildung genossen. Es war zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, dass Nichtrömer in der römischen Armee Karriere machen konnten.

Welche Beweggründe Arminius letztlich dazu veranlassten, sich von Rom abzuwenden und die Legionen in einen Hinterhalt zu locken, ist letztlich nicht geklärt. Fakt ist, dass er zahlreiche germanische Stämme für dieses Unterfangen gewinnen und die römischen Legionen in einem mehrtägigen Kampf vernichtend schlagen konnte. Dies gelang vorwiegend, weil Arminius das offene Schlachtfeld mied und die undurchdringlichen Wälder sowie das schwierige Terrain zu seinem Vorteil zu nutzen wusste. Varus, der sich trotz eines Hinweises auf den bevorstehenden Verrat in den Hinterhalt locken ließ, nahm sich noch am Schlachtort das Leben.

Friedrich Gunkel - Hermannsschlacht
So heroisch stellte man sich die Varusschlacht im 19. Jahrhundert vor: Friedrich Gunkel – Hermannsschlacht, 1864 (zerstört, nachkolorierte Abbildung)

Die Nachwirkungen der Varusschlacht

Diese römische Niederlage wirkte derart nachhaltig, dass Rom die Eroberung Germaniens in der Folge aufgab. Der Rhein wurde als Grenze zwischen der römischen Provinz Gallien und den germanischen Stammesgebieten befestigt. 15 n. Chr. besuchte der neue Feldherr über die rheinischen Legionen, Germanicus, auf einem Feldzug das Schlachtfeld und ließ die Gebeine der Gefallenen beisetzen.

Der germanische Name von Arminius ist nicht überliefert. Erst die Heldenverehrung und der deutsche Nationalismus des 19. Jahrhunderts schrieben ihm den Namen Hermann zu. So entstand schließlich in der Nähe von Detmold das weithin bekannte Hermannsdenkmal, das eigentlich Arminiusdenkmal heißen müsste. Die Schlacht selbst geriet schließlich in Vergessenheit. Erst im Spätmittelalter wurden einige römische Quellen in klösterlichen Bibliotheken ausfindig gemacht. Besonders aufschlussreich sind die Annalen des Tacitus, die allerdings gut ein Jahrhundert nach den Ereignissen im Teutoburger Wald entstanden. Einen eindeutigen Hinweis auf den Ort des Schlachtfeldes geben sie aber nicht. Und germanische Quellen existieren nicht, da diese keine Schriftkultur kannten.

Das Museum

Von den ersten Funden zum Friedenszeichen

Das Museum mit dem offiziellen Titel Varusschlacht im Osnabrücker Land – Museum und Park Kalkriese ist entstanden, nachdem Ende der 80er Jahre der englische Hobbyarchäologe Tony Clunn römische Relikte am Fuße des Kalkrieser Berges entdeckte. Dies führte zu planmäßigen Ausgrabungen mit spektakulären Funden und dem Bedürfnis nach einem dauerhaften Ausstellungsgebäude hierfür. Bis heute entstanden mehrere Bauten mit Flächen für eine Dauerausstellung und gut besuchte Sonderausstellungen sowie ein parkartig gestaltetes Terrain zum Erkunden der Grabungsumgebung.

Unbestrittener Höhepunkt der Ausgrabungen war der Fund einer römischen eisernen Gesichtsmaske eines Reiters. Sie entwickelte sich in der Folgezeit nicht nur zur Bildmarke des Museums, sondern zum Wahrzeichen einer ganzen Region: Stelen aus Holz und Metall sind dem Erscheinungsbild römischer Feldzeichen nachempfunden und tragen vergrößerte Nachbildungen der Reitermaske. So wurden die Feldzeichen umgedeutet zu Friedenszeichen, die in unzähligen Vorgärten des Osnabrücker Landes und darüber hinaus Platz fanden. Schon lange träume ich davon, ein ebensolches Objekt vor unserem Haus aufzustellen.

Varusschlacht - Friedenszeichen
Friedenszeichen im Park Kalkriese

Gebäude und Ausstellungen

2002 wurde das markante Museumsgebäude, das mit seinem Aussichtsturm aus den Wäldern am Fuße des Kalkrieser Berges ragt, eröffnet. Es beherbergt die Dauerausstellung. Der Gegensatz von grüner Natur und den rostfarbenen Stahlplatten des Baus hat sich mir bei meinem ersten Besuch in Kalkriese vor fast 20 Jahren nicht erschlossen und weckt bis heute Assoziationen zu einer Industrieruine. Mittlerweile kann ich das Konzept dahinter nachvollziehen. Eine Rekonstruktion des Kampfortes war nicht das Ziel, sondern der bewusste Hinweis auf die Vergänglichkeit, die der Geschichte des Ortes innewohnt. Vielleicht hätte man dies aber mit einfühlsam gestalteter Architektur demonstrieren können. Einzig der Bezug zu den stark korrodierten archäologischen Funden ist greifbar und zugänglich.

Varusschlacht - Museumsgebäude
Das Museumsgebäude mit dem Aussichtsturm

2009 wurde das Museum durch ein Besucherzentrum erweitert, wodurch auch Platz für wechselnde Sonderausstellungen geschaffen war. Die Einweihung erfolgte gleich mit der fast schon legendären Ausstellung zur 2000-Jahr-Feier der Varusschlacht: 2000 Jahre Varusschlacht. Imperium – Konflikt – Mythos. Die dreiteilige Ausstellung fand an unterschiedlichen Orten, die mit der Varusschlacht im Zusammenhang stehen, gleichzeitig statt: Kalkriese, Haltern am See, Detmold – jeweils mit anderem Schwerpunkt. Es folgten regelmäßig Sonderausstellungen, die sich mit der römischen oder germanischen Geschichte auseinandersetzten, darunter zur Glaubenswelt der Germanen sowie zur Welt der Gladiatoren. In diesem Jahr wurde die Migrationsgeschichte der Menschheit in einer Sonderausstellung thematisiert.

Die Dauerausstellung

Die Dauerausstellung setzt ihre Schwerpunkte auf die Vorstellung der gegensätzlichen Sphären von Römern und Germanen, auf die beiden Protagonisten Arminius und Varus sowie auf den Fundort Kalkriese. Dabei wird ein ausgewogener Mix aus digitalen Medien und analogen Objekten präsentiert, der in zahlreiche Themenkomplexe rund um die Varusschlacht einführt. Anschaulich und informativ möchte ich als Prädikat vergeben!

Gleich am Eingang werden wir von einer überdimensionalen römischen Gesichtsmaske empfangen, dem Markenzeichen des Museums und der Region. In der Ausstellung ist schließlich das Original zu sehen. Gelungen und nahbar wirkt ein fiktives Streitgespräch der beiden Protagonisten, das mit Schauspielern umgesetzt ist. Im Einzelnen ist die Dauerausstellung in folgende fünf Bereiche gegliedert:

  • Römer und Germanen
  • Varus und Arminius
  • Der Mythos
  • Fundplatz Kalkriese
  • Die Indizien

Der Park

Die Wallanlage

Obwohl in dem weitläufigen Gelände nur an einer Stelle zu einer Rekonstruktion gegriffen wurde, fällt es nicht schwer, sich im Geiste 2000 Jahre zurückzuversetzen. Den besten Überblick verschafft sich der Besucher zunächst vom Turm des Museumsgebäudes. Von hier erahnt man, welche entscheidende Rolle die Geografie für den Ausgang der Schlacht gespielt hat. Im Süden steigen die noch heute in großen Teilen bewaldeten Hänge des Kalkrieser Berges auf. Nach Norden erstreckt sich eine weite Ebene, die vor 2000 Jahren weitgehend aus Sumpf, dem Großen Moor, bestand. Dazwischen befand sich eine schmale Senke, die die römischen Legionen passieren mussten. Kaum ein anderer Ort eignete sich wohl besser für den Angriff der germanischen Einheiten.

So fand man just an dieser Stelle – dem Oberesch – Reste eines rund 400 Meter langen Walls, der lange Zeit als Bauwerk der Angreifer interpretiert wurde, die die Germanen im Vorfeld der Kampfhandlungen errichtet haben sollen. Mittlerweile gibt es aber erhebliche Zweifel an dieser Einordnung. Möglicherweise haben wir hier Reste eines römischen Marschlagers vor uns. Die Wallanlage ist in einem kurzen Abschnitt rekonstruiert worden. Es verwundert auch nicht, dass die meisten römischen Funde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wall gemacht wurden. Sie zeugen von den erbitterten Kämpfen an diesem Ort.

Varusschlacht - Wall
Rekonstruierte, möglicherweise römische Wallanlage mit Geländeschnitt

Bodenplatten und Pavillons

Heute gliedert sich das Areal in einen dichten Buchenwald, der die Atmosphäre beim Schlachtgetümmel im Jahre 9 n. Chr. erahnen lässt, und eine große Freifläche. Auf letzterer ist erneut rostendes Metall zum Einsatz gekommen. Eine lange Reihe von Bodenplatten mit verstreuten Zitaten antiker Quellen zur Varusschlacht säumt den vermeintlichen Weg der römischen Legionen. Er folgt den natürlichen Vorgaben des Geländes und lässt die Museumsbesucher die antike Marschroute nachvollziehen.

Und da sind noch die drei Pavillons, die wie anachronistische Mahnmale in die Landschaft ragen: der Pavillon des Sehens, der Pavillon des Hörens und der Pavillon des Fragens. Lange habe ich mich gefragt, welcher tiefere Sinn mit ihnen verbunden ist. Heute weiß ich, dass sie der sinnlichen Auseinandersetzung mit der Varusschlacht im Speziellen und dem Krieg im Allgemeinen dienen. Und tatsächlich scheinen sie eine andere Wahrnehmung der Umgebung zu begünstigen, wenn man sie betritt. Doch diese Erfahrung sollte jeder für sich selbst machen.

Kulturtourismus und Wissenschaft

In Kalkriese ist es gelungen, eine bemerkenswerte Symbiose aus Museum, Landschaftserfahrung, touristischer Destination und wissenschaftlichem Betätigungsfeld zu schaffen, die weit über die regionalen Grenzen hinaus Besucher anzieht. Einmal im Jahr findet auf dem Gelände ein Großevent statt: immer im Wechsel die Römer- und Germanentage sowie das Osterleuchten. Ersteres bietet eine Mischung aus historischem Markt und zahlreichen Vorführungen und Darbietungen, letzteres eine Feuerwerks- und Lichtinszenierung am Ostersonntag.

Nicht zu unterschlagen ist, dass Kalkriese noch über viele Jahrzehnte ein Arbeitsfeld für die Wissenschaft bieten wird. Zum jetzigen Zeitpunkt ist nur ein geringer Teil des weitläufigen Areals untersucht. Erst kürzlich haben die Archäologen einen spektakulären Fund machen können, der es mit der Bedeutung der Gesichtsmaske aufnehmen kann: einen römischen Schienenpanzer. Mit jedem weiteren Fund untermauert Kalkriese seine Bedeutung als bedeutender antiker Schlachtort.

Am Ende meiner Ausführungen möchte ich die Frage stellen, die mich beschäftigt, seitdem ich mich mit dem Thema Kulturtourismus auseinandersetze. Trägt das Konzept auch noch, wenn sich wider Erwarten eines Tages herausstellen sollte, dass der Ort der Varusschlacht gerade doch nicht hier am Fuße des Kalkrieser Berges zu suchen ist? Werden die Touristen auch dann noch kommen, wenn sich die Ausrichtung des Marketingkonzepts als Sackgasse erweisen sollte? Und welche Auswirkungen wird das auf das Museum und die wissenschaftlichen Tätigkeiten vor Ort haben? Ich hoffe, die Verantwortlichen haben für diesen Fall einen Plan B in der Tasche.

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