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Kulturwege in der norwegischen Hauptstadt Oslo

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Oslo - Reiterstandbild von Karl III. Johann vor dem könglichen Schloss
Machte Oslo zur Residenzstadt: Reiterstandbild von Karl III. Johann vor dem könglichen Schloss

Oslos Aufstieg zur norwegischen Hauptstadt

Oslo ist nach nordischen Verhältnissen eine Weltstadt. Die norwegische Hauptstadt am nördlichen Ende des Oslofjordes ist heute das kulturelle, politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Das ist aber erst eine Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte. Zwar entwickelte sich Oslo bereits im Spätmittelalter zu einer bedeutenden Handelsstadt, in der zeitweise der norwegische König residierte (erstmals ab 1229 unter Håkon V.). Auf dem Stadtgebiet bzw. in unmittelbarer Nachbarschaft existierten zwei Burgen, der Königshof und eine Bischofsburg. Innerhalb der Stadtmauern befanden sich neun Kirchen.

Christiania 1839
Christiania mit geplanter Stadtwerweiterung von 1839

Nach der Reformation verfielen viele Kirchen und aufgrund der Holzbebauung kam es häufig zu verheerenden Bränden. Am einschneidendsten war der Stadtbrand von 1624. Oslo wurde daraufhin auf Geheiß des dänischen Königs Christian IV. – Norwegen war zu diesem Zeitpunkt dänische Provinz – auf die andere Seite der Bucht verlegt. Die neue Siedlung erhielt nun den Namen Christiania. Erst mit der Loslösung von Dänemark im Jahre 1814 wechselte der Name wieder zu Oslo. Die Stadt wurde zur norwegischen Hauptstadt und überflügelte in der Folge alle historischen Zentren des Landes. Das historische Zentrum Oslos liegt seitdem rund um die Buchten Pipervika und Bjørvika. Die ältesten Bauten aus dem frühen 17. Jahrhundert gruppieren sich um den alten Marktplatz Christiania Torv, auf dem auch das nach der Stadtverlegung erste Rathaus Oslos steht.

Oslo - Christiania Torv
Älteste Bebauung Oslos am Christiania Torv

Die Stadt bietet ein umfangreiches kulturelles Erbe. Wenn man wie wir nur zwei Tage Zeit mitbringt, muss man eine Auswahl für das Programm zusammenstellen, die zweifelsohne Lücken für spätere Besuche offenhält. Unsere Wahl fiel auf die historische Achse der Residenzstadt, die Karl Johans gate, die vom königlichen Schloss bis zum Zentralbahnhof verläuft, zweitens auf den Hafenbereich mit Rathaus und der Festung Akershus, drittens auf den Frognerpark mit den Vigeland-Skulpturen sowie viertens auf das Norsk Folkemuseum als Norwegens bedeutendstes Freilichtmuseum.

Oslos Stadtzentrum

Die Karl Johans gate

Die Karl Johans gate ist die Prachtstraße durch die Innenstadt von Oslo. Sie ist benannt nach dem schwedisch-norwegischen König Karl III. Johann und vereint annähernd alle Institutionen und Bauten, die eine neuzeitliche Residenzstadt ausmachen. Die Architektur des Boulevards ist weitgehend vom 19. Jahrhundert geprägt und präsentiert sich – insbesondere im westlichen Abschnitt – geradezu mondän. Den Auftakt macht das in zentraler Achse und erhöht im Schlosspark gelegene Königliche Schloss Oslo. Der klassizistische Bau mit dem markanten Mittelrisalit wurde zwischen 1825 und 1849 unter Karl III. Johann durch den Architekten Hans Linstow errichtet. Es stellt den Ort der staatlichen Repräsentation dar, auch wenn die schwedisch-norwegischen Könige ihre Hauptresidenz in Stockholm besaßen. Vor dem Gebäude steht das Reiterstandbild von Karl Johann, das dort erst 1875 aufgestellt wurde.

Oslo - Köngliches Schloss
Das Königliches Schloss

Wir folgen der Karl Johans gate gen Osten und passieren weitere stattliche Bauten wie die Universitätsgebäude, das Nationaltheater sowie das norwegische Parlament, den Storting. Letzterer besticht durch seinen Grundriss und die Formensprache, die dem Rundbogenstil mit Elementen der byzantinischen, romanischen und Renaissancearchitektur zuzurechnen ist. Komplettiert wird der von historistischer Architektur geprägte Boulevard durch weitere monumental-repräsentative Fassaden wie am Grand Hotel. Insgesamt zeigt dieser Abschnitt der Prachtstraße ein Gepräge, das den Verhältnissen des späten 19. Jahrhunderts weitgehend gleicht. Auffällig und positiv wahrnehmbar ist insbesondere der durch Platzanlagen, Grüngürtel und Alleen erzeugte offene Charakter des Straßenzuges, der einer Avenue ähnelt.

Der östliche Teil der Karl Johans gate ist dagegen eng bebaut und heute Fußgängerzone. Dieser Bereich stand stadtplanerisch zunächst nicht im Kontext des obigen Residenzviertels und lag stets innerhalb der Stadtmauern. Den östlichen Kopf der Straße bildet der Zentralbahnhof. Auf dem Weg dorthin passieren wir den Osloer Dom am Stortorvet. Der barocke Sakralbau entstand zwischen 1694 und 1697. Er stellt die dritte Domkirche in Oslo dar. Ihr nach dem Stadtbrand und der Stadtverlegung von 1624 entstandener Vorgänger brannte nur wenige Jahrzehnte später ab.

Die Festung Akershus und der Hafen

Auf der Halbinsel Akersneset, die die Buchten Pipervika und Bjørvika trennt, befindet sich die Festung Akershus. Imposant steht die vielteilige Anlage auf einem Felsensporn am Hafen von Oslo und überragt das Umland. Sie entstand wahrscheinlich Ende des 13. Jahrhunderts, als Oslo zu einem der Residenzorte des norwegischen Königreiches aufstieg. Die Anlage wurde mehrfach erweitert und im 17. Jahrhundert zu einer Festung mit zeitgemäßen verteidigungstechnischen Standards umgebaut. Die Restaurierungsarbeiten des 20. Jahrhunderts waren ein Zusammenspiel von Rekonstruktionen aus historischen Quellen und moderner Interpretation. Heute besteht Akershus aus einer Vielzahl von Gebäudekomplexen, die sich im Wesentlichen von innen nach außen aus der Kernburg, der inneren Bastionsfestung und dem äußeren Festungsgebiet zusammensetzen.

Oslo - Festung Akershus
Festung Akershus

Den Mittelpunkt der Anlage stellen aber weiterhin die um einen Burghof gruppierten mittelalterlichen Bauten dar. Der Bereich ist durch eine im Nordflügel eingelassene Tordurchfahrt des 17. Jahrhunderts betretbar. Zuvor saß der Zugang zur Kernburg im Südflügel. Eine Reihe von Türmen lässt den Wehrcharakter der Burganlage erkennen, auch wenn der einst 20 Meter hohe Vågehalstårnet als zentraler Verteidigungsturm weitgehend abgetragen wurde. Die Gebäude lehnen sich an die Ringmauer an und bergen aufgrund der zahlreichen Zerstörungen und des zeitweisen Verfalls der Anlage kein historisches Inventar mehr.

Von der Festung eröffnet sich ein guter Überblick über die Hafenpromenade Oslos. Ihr augenfälligstes Gebäude ist das monumentale Rathaus aus Backstein mit seinen beiden markanten Turmbauten. Das Wahrzeichen der Stadt wurde in den 1930er-Jahren nach einem Entwurf der einheimischen Architekten Arnstein Arneberg und Magnus Poulsson errichtet und ist stilistisch dem Funktionalismus zuzurechnen. Des Weiteren ist die Stiftung des Nobel-Friedenszentrums am Hafen angesiedelt. Diese hat ihren Sitz im ehemaligen Westbahnhof Oslos eingenommen – ein architektonisch würdiger Rahmen im Rundbogenstil des späten 19. Jahrhunderts.

Oslo - Hafen mit Rathaus
Hafenblick mit dem Rathaus und dem Nobel-Friedenszentrum

Der Frognerpark mit den Vigeland-Skulpturen

Wir verlassen das Zentrum Oslos und machen uns auf den Weg vorbei am Schlosspark und durch die Villenviertel der Stadtviertel Uranienborg und Majorstuen. Mit dem Frognerpark, besser bekannt unter dem Namen des dort befindlichen Vigeland-Skulpturenparks, erreichen wir schließlich eine weitere Ikone der norwegischen Hauptstadt. Die weitläufige Grünanlage, von der man einen schönen Ausblick auf Teile Oslos hat, beherbergt eine monumentale Figurensammlung des norwegischen Bildhauers Gustav Vigeland. Der Skulpturenpark aus Granit und Bronze entstand von 1924 bis 1949. Vigealnd selbst starb 1943.

Die expressiven Figuren des Künstlers reihen sich in einer großartigen Inszenierung entlang einer aufsteigenden Achse. Thematisiert wird immer wieder der Kreislauf des menschlichen Lebens. Die einzelnen künstlerischen Stationen setzen sich aus eigenständigen Bausteinen zusammen. Die in das Areal einführende Brückenkonstruktion vereint 58 Bronzeskulpturen. Es folgt eine monumentale Brunnenanlage, in deren Mitte sechs Riesen die wassergefüllte Schale tragen. Schlusspunkt der Achse ist ein bronzenes Lebensrad, das als rotierender Kranz aus Frauen, Männern und Kindern die Ewigkeit im Zyklus des Lebens symbolisiert.

Höhepunkt im künstlerischen, emotionalen und topografischen Sinne ist eine zentrale Anlage, die sich um eine 17 Meter hohe Säule, gebildet aus 121 ineinander verschlungenen Figuren, reiht. Es ist die Kulmination in der Erzählung über menschliche Existenz von Anfang bis Ende. Der symbolische Gehalt der Szenerie erschließt sich indes nicht auf den ersten Blick. Ist es ein Bild für menschliches Streben, das aber zugleich nur in Gemeinschaft erreicht werden kann? Den Monolithen umgeben weitere 36 Figurengruppen, deren nackte Körper Stationen im menschlichen Leben aufgreifen. Eine emotionale Kunstinstallation voller Entdeckungen und stets neuer Einblicke!

Der zentrale Monolith im Vigeland-Skulpturenpark

Norsk Folkemuseum

Die Ausstellungen zur Kulturgeschichte Norwegens

Das Norsk Folkemuseum liegt auf der Halbinsel Bygdøy, einer grünen Oase, die in den Oslofjord ragt und gänzlich anders wirkt als das geschäftige Treiben im Zentrum der norwegischen Hauptstadt. Das Freilichtmuseum, das Ende des 19. Jahrhunderts entstand, bildet nicht nur die ländliche Baukultur Norwegens ab, sondern beleuchtet in zahlreichen Ausstellungen auch die Kulturgeschichte des Landes. Die Besuchszeit will also gut eingeteilt sein.

Gleich am Eingang des Museumsgeländes empfängt uns die Kulisse eines städtischen Marktplatzes. In den umliegenden Gebäuden befinden sich Ausstellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Allein die Fülle der Eindrücke, die die Besucher hier erwartet, würde für mehrere Museen reichen. Schwerpunkte sind die norwegische Volkskunst, die sakrale Kunst und die Kultur der Samen. Besonders gut gefallen hat uns die Reise durch die Kulturgeschichte Norwegens von 1600 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 (TIDSROM 1600-1914). Der Objektkontext wird dabei vorbildlich durch Medienterminals vermittelt. Auf diese Weise ist die Vertiefung in unzählige gesellschaftliche Aspekte, die mit den Exponaten verbunden sind, möglich.

Städtische Wohnkultur in Oslo und am Oslofjord

Gleich hinter dem Ensemble des Marktplatzes erstreckt sich ein dicht bebautes Areal mit städtischer Architektur und Wohnkultur – Apotheke, Tankstelle (aus dem Jahre 1928), Weinhandel und Kolonialwarenladen inbegriffen. Ein Schwerpunkt ist die Zeit Christianias nach dem Stadtbrand und Neuanfang im Jahre 1624. Gezeigt werden Stadthäuser des 17. und 18. Jahrhunderts, die teilweise sehr stattlich ausfielen. Repräsentativ zeigen sich die Häuser aus der Kirkegata 15 oder der Dronningensgate 15. Neben Stenbauten ist auch Fachwerk vertreten. Der Buchbinder Frederik Jacobsen Brun besaß einen typischen Bau dieser Zeit in der Tollbugata 14.

Besonders anschaulich gestaltet ist ein Apartmenthaus aus dem 19. Jahrhundert aus der Wessels gate 15 in Oslo, das Mietwohnungen vom späten 19. bis ins späte 20. Jahrhundert zeigt. Daneben finden sich hier Holzbauten aus anderen Städten am Oslofjord wie Brevik und Kragerø, die frühe Zentren für den Holzhandel in der Region waren. Weiterhin wird die Wohnsituation von Fischern und Tagelöhnern in den Vororten von Christiania thematisiert.

Ländliche Wohnkultur in Norwegen

Ab hier bewegen wir uns auf den Spuren der ländlichen Architektur der norwegischen Landschaften, die aufgrund der Topografie stark von den tiefen Talabschnitten geprägt ist und entsprechende Eigenarten entwickelt hat. Unser Weg führt unter anderem durch Telemark, Setesdal, Numedal, Hallingdal, Trøndelag, Østerdal, Østlandet, Hardanger und die Finnmark. Die Bebauung ist durchgehend vom Baustoff Holz geprägt. Vielfach kommt die für Norwegen charakteristische Blockbauweise zum Einsatz. Die ältesten Bauten reichen bis ins Mittelalter zurück. Das Bauernhaus von Søre Rauland wird auf die Zeit um 1240 datiert und gilt als ältestes Holzhaus der Welt.

Norsk Folkemuseum - Bauernhof im Setesdal
Norsk Folkemuseum: Bauernhof im Setesdal

Besonders augenfällig sind die giebelständigen Lagerhäuser, deren zweistöckige Bauform bis ins Mittelalter zurückreicht. Das Obergeschoss der als Loft bezeichneten Häuser diente in der Regel als ein solches – als Schlafzimmer. Diese Bauten verfügen häufig über eine reiche Dekoration aus geschnitzten Ornamenten oder kleinen Galerien. Farbreste lassen erkennen, dass zumindest Teile der Häuser farblich gefasst waren. Der Aufwand, mit dem diese Bauten errichtet wurden, lässt darauf schließen, dass sie auf den Höfen einen repräsentativen Charakter inne haben. Schöne Beispiele dieses Typs sind das Lagerhaus von Søndre Tveito in Tinn (Telemark), das Lagerhaus von Brottveit aus Valle im Setesdal sowie das Lagerhaus von Grimsgard aus Nes im Hallingdal.

Norsk Folkemuseum - Loft Grimsgard aus Nes im Hallingdal
Norsk Folkemuseum: Loft vom Hof Grimsgard aus Nes im Hallingdal

Die Stabkirche Gol

Ein Höhepunkt des Freilichtmuseums ist zweifellos die Stabkirche Gol. Sie ist eine der 28 Kirchen dieses Typs mit mittelalterlicher Bausubstanz. Ihre Versetzung nach Oslo erfolgte ab 1884, noch vor Eröffnung des Museums. Vorbild für die Rekonstruktion am jetzigen Standort war die Stabkirche Borgund. Der Kirchenbau ruht auf 14 Masten und zeigt mit der Staffelung der Dachaufbauten das charakteristische Bild einer norwegischen Stabkirche aus dem Mittelalter. Künstlerischer Höhepunkt am Außenbau sind die Schnitzereien der Portale mit ihren Rankenmotiven, wobei lediglich das westliche als weitgehendes Original bezeichnet werden kann. Die Malereien im Innern der Kirche mit ihrem steilen Gemeinderaum stammen aus dem 17. Jahrhundert. Zum Interieur gehören Einrichtungsgegenstände wie Altar, Kruzifix, Kronleuchter oder ein reich geschnitzter Stuhl – alles Dinge, die aus anderen Kirchen stammen.

Rückblick und Ausblick

Gern hätten wir einen tieferen Einblick in das kulturelle Erbe Oslos gehabt, doch zwei Tage reichen lediglich für einen ersten Überblick über die touristischen Hotspots. Dabei ist es insbesondere die Vielfältigkeit der Architektur und Kunst, die die norwegische Hauptstadt ausmacht. Die Stabkirche von Gol oder die Festung Akershus gewähren Einblick in Norwegens Mittelalter, das Schloss und die Karl Johans gate repräsentieren Oslos Aufstieg zur Hauptstadt des stolzen skandinavischen Landes. Selbst das 21. Jahrhundert setzt architektonische Akzente von internationalem Rang. Das 2008 eröffnete Opernhaus am Hafen ist einem Eisberg nachempfunden und besteht weitgehend aus weißem, italienischem Carrara-Marmor. Die Dachkonstruktion ist mit seinen Schrägen als öffentlicher Platz gestaltet und somit großflächig begehbar.

Oslo - Opernhaus
Zeitgenössische Architektur: Opernhaus am Hafen

Auch die Museumslandschaft Oslos ist qualitativ und quantitativ herausragend. Den Besuch des jüngst deutlich erweiterten Nationalmuseums für Kunst, Architektur und Design, des Fram-Museums, des Munch-Museums sowie zahlreicher weiterer sehr sehenswerter Einrichtungen müssen wir allerdings auf einen späteren Zeitpunkt vertagen. So bleiben zahlreiche Anreize, die Stadt erneut zu besuchen. Oslo hat uns – das sei hier hervorgehoben – seit unseren letzten Reisen, die schon länger zurückliegen, erstmals positiv gefangen genommen.

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