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Illegaler Abriss in München-Giesing – Denkmalschutz am Ende?

Posted on – zuletzt aktualisiert am 16. Juli 2019
Abgerissenes Uhrmacherhäusl in Giesing
Abgerissenes Uhrmacherhäusl in München-Giesing in der Oberen Grasstraße 1

Zerstörung des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls

Wer geglaubt hat, der illegale Abriss denkmalgeschützter Objekte wie jüngst in Dresden könne sich nicht wiederholen, der wurde nun im Münchener Stadtteil Giesing eines Besseren belehrt. Giesing war bis zu seiner Eingemeindung 1854 eine eigenständige Landgemeinde rechts der Isar. Das Ortsbild war geprägt von Siedlungen der Handwerker und Tagelöhner, die in München nicht in die Zünfte aufgenommen wurden oder kein Bürgerrecht erhielten. Dieses Gepräge ist durch die rasche Ausdehnung Münchens nur noch an wenigen Stellen von Giesing wahrnehmbar. Ein entsprechendes Handwerkerhaus, das Uhrmacherhäusl aus der Zeit um 1840, hatte sich bis vor wenigen Tagen in der Oberen Grasstraße 1 in der Feldmüllersiedlung in Obergiesing erhalten. Optisch unscheinbar und sanierungsbedürftig, war es dennoch ein wichtiges historisches Zeugnis der Entwicklung und Geschichte Giesings und stand unter Denkmalschutz.

Am 1. September wurde es in einer Nacht- und Nebelaktion illegal abgerissen, nachdem Anwohner und Polizei dies einen Tag zuvor noch verhindern konnten. Verantwortlich hierfür war die Baufirma CSH Baubetreuung GmbH und ihr Geschäftsführer Cüneyt Camurlu. Die Website der Firma ist seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar, Camurlu vorerst für die Presse nicht zu sprechen. Bemerkenswert ist allerdings, dass der Bauträger bei dem Vorgang von einem Unfall spricht. Diese Darstellung ist nicht überzeugend, da zwei Versuche an aufeinanderfolgenden Tagen für den Abriss erfolgt sind. Zeugen berichten zudem, dass Bauarbeiter Schmiere standen und der Baggerführer vor der Polizei geflüchtet sei, anstatt den Bauschutt von der Straße zu räumen. Ein unfassbarer Vorgang mitten in München!

Juristische Konsequenzen gefordert

Die Politik in München – auch Oberbürgermeister Dieter Reiter – hat sich bereits zu Wort gemeldet und verurteilt den Vorgang aufs Schärfste. Konsequenzen und hohe Strafen werden gefordert. 250.000 € Bußgeld stehen im Raum. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Verantwortlichen die Summe aus der Portokasse bezahlen können. Haben wir es hier mit einem gezielten Akt der illegalen Zerstörung zu tun, um aus Immobilienspekulationen Gewinn zu erzielen? In diesem Zusammenhang wäre die Identität des Eigentümers von größtem Interesse für die Einordnung und Aufklärung des Sachverhaltes.

Es ist zu hoffen, dass alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden, damit der Bauherr aus der Situation nicht auch noch Profit schöpfen kann. Dies wäre ein fatales Zeichen für potenzielle Nachahmer. Und grundsätzlich muss sich der Gesetzgeber Gedanken darüber machen, wie man zukünftig mit verschärften Sanktionen illegale Aktionen wie in Dresden und München zulasten des Denkmalschutzes und somit der Gesellschaft verhindern möchte.

Aufregung in Giesing: Abriss denkmalgeschützten Gebäudes

Update (20.10.17): Mittlerweile kündigte die Stadt an, eine Verfügung zu erlassen, um das Haus vollständig wiederherstellen zu lassen. Ob dies allerdings auch juristisch durchzusetzen sein wird, ist offen, wie ein ähnlich gelagertes Beispiel aus Dresden zeigt. Eigentümer Andreas Stauber aus Neuried bleibt dagegen weiterhin untergetaucht und reagiert nicht auf Presseanfragen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass der Unternehmer, der auch Geschäftsführer der Rohrreinigungs-Service RRS GmbH aus Baierbrunn ist, bereits zuvor Bauauflagen an einer anderen Münchener Immobilie nicht eingehalten hat. Die Rohrreinigungs-Service RRS GmbH wirbt im Übrigen damit, Dienstleister und Partner für die Stadtentwässerung München zu sein. Diese verneint allerdings eine derartige Geschäftsbeziehung. Man würde gegen das Unternehmen rechtliche Schritte prüfen.

Update (01.12.17): Das Stühlerücken beginnt! Laut Handelsregister vom 14.11.2017 wurde aus der für den Abriss verantwortlichen CSH Baubetreuung GmbH mit Sitz in München die Black Lotus Investition und Baubetreuung GmbH mit Sitz in Forchtenberg bei Heilbronn. Cüneyt Camurlu wich dem neuen Geschäftsführer Hamdi Atici. Ob dies ausreicht, um die Spuren zu verwischen oder den Ruf wiederherzustellen?

Erstes Urteil vor Gericht

Update (16.07.19): Ein erster Urteilsspruch in der Angelegenheit fiel für die Stadt München enttäuschend aus. Diese wollte den Eigentümer des Uhrmacherhäusls mit einer Anordnung zur Wiederherstellung des denkmalgeschützten Hauses zwingen. Das scheiterte nun vorerst vor dem Verwaltungsgericht München. Besonders ärgerlich ist dabei, dass das Gericht gar nicht in der Sache entschieden hat, sondern Verfahrensfehler der Stadt rügte. Man hätte zunächst gegen den Bauunternehmer vorgehen müssen. Einer neuen Anordnung würde aber nichts im Wege stehen.

9 Kommentare zu “Illegaler Abriss in München-Giesing – Denkmalschutz am Ende?

  1. Für was haben wir eigentlich einen Oberbürgermeister? Ist er nur bei Grundsteinlegungen, Einweihungen usw. vorhanden.

    1. Soweit ich es aus der Presse entnehmen kann, ist der Oberbürgermeister sehr bemüht darum, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Was konkret werfen Sie ihm denn vor?

  2. Warum schreib ich, wenn es nicht veröffentlich wird. Die Öffentlichkeit sollte über die Handlungen und Aufgaben der Baubehörde aufgeklärt werde. Alles nur Augenwischerei .

    1. Dass die Kommentare erst von mir frei geschaltet werden müssen, hat gute Gründe, also bitte ich um etwas Geduld. Was genau meinen Sie mit Augenwischerei? Was genau ist das Problem mit der Baubehörde? Pauschale Anschuldigungen bringen niemanden in der Sache weiter.

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