
Eine Kulturregion zwischen Rhein und Taunus
Der Rheingau ist nach dem geltenden Weingesetz eines von 13 Anbaugebieten für Qualitätswein in Deutschland. Geografisch erstreckt sich dieser schmale hessische Landstrich rechtsrheinisch grob von Wiesbaden im Osten bis zum Rheinknie bei Bingen mit der malerisch in den steilen Hängen gelegenen Burgruine Ehrenfels westlich von Rüdesheim. Südlich begrenzt der mächtige Rhein, nördlich der Taunus, an dessen Südhängen der Wein gedeiht, die Weinbauregion. Im weiteren Sinne gehören auch noch die Rebflächen rund um Wiesbaden und nördlich von Flörsheim zum Anbaugebiet Rheingau. Als Rebsorte herrscht der Riesling vor. Weit abgeschlagen folgt der Spätburgunder.
Wir wollen uns aber hier auf die Kulturlandschaft im engeren Sinne beschränken, die sich auch naturräumlich durch Fluss und Gebirge eingrenzen lässt. Der Rheingau stand bereits im Mittelalter unter dem Einfluss des Erzbistums Mainz, nachdem Kaiser Otto II. diese Ländereien Erzbischof Willigris in der Veroneser Schenkung zukommen ließ. Sie werden seit Jahrhunderten durch den Weinanbau beherrscht, der sich bis in die karolingische Zeit zurückverfolgen lässt. Der spätrömische Weinanbau ist lediglich für linksrheinische Gebiete bezeugt. Diese lange Tradition wird auch an zahlreichen Ortsbildern mit ihren unzähligen gemütlichen Weinstuben und Weingütern offenkundig. Am Ufer des Rheins haben sich dadurch wie an einer Perlenkette zahlreiche malerische Winzerdörfer mit ihren Fachwerkbauten entwickelt. Darüber erheben sich die Hänge des Taunus mit ihren mitunter steilen Weinbergen.

Eltville
Einer dieser Orte, die im 10. Jahrhundert an den Mainzer Erzbischof gelangten, ist die Stadt Eltville. Zuvor existierte hier bereits ein fränkischer Königshof. Beherrschend am Ufer des Rheins steht die erzbischöfliche Burg, die Eltville als Residenz des Metropoliten auszeichnet. Die Bausubstanz, die sich noch durch Reste des Palas, einen monumentalen Wohnturm und Zwinger auszeichnet, stammt weitgehend aus dem 14. Jahrhundert und wurde im Dreißigjährigen Krieg in großen Teilen zerstört. Es war im Wesentlichen der Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg, der die heutige Gestalt des Burgkomplexes prägte. Er verwaltete das Mainzer Erzstift für einige Jahre.

Die Stadtrechte erhielt Eltville im Jahre 1332 – verliehen durch Kaiser Ludwig den Bayern. Entsprechend entwickelte sich im Mittelalter die bürgerliche Stadt mit der Pfarrkirche St. Peter und Paul westlich und nördlich der Burganlage. Sie war frühzeitig befestigt und zeichnet sich durch die zahlreichen Fachwerkbauten des 16. bis 19. Jahrhunderts mit massivem Untergeschoss aus. In den Gassen nördlich der Burg finden sich ehemalige Domherrenkurien und Adelshöfe (Stockheimer Hof, Burg Craß, Eltzer Hof). Von der mittelalterlichen Stadtbefestigung haben sich große Abschnitte mit Türmen und das Martinstor am Rheinufer erhalten. Vor letzterem verläuft eine reizvolle Rheinpromenade, auf der bei einem Glas Wein der Blick auf den mächtigen Turm der erzbischöflichen Burg freigegeben wird.

Kiedrich
Kiedrich befindet sich nur wenige Kilometer nördlich von Eltville mitten in den Weinbergen. Das Dorf ist nicht nur ein gut erhaltenes Beispiel eines Rheingauer Weinortes, sondern beherbergt zudem in seltener Vollständigkeit ein historisches Ensemble eines Pfarrkirchenbezirks aus dem Spätmittelalter. Eine Pforte öffnet dabei den von einer hohen Kirchhofmauer umschlossenen Wehrkirchhof zum kleinen Marktplatz von Kiedrich.
Der zugleich als bedeutende Wallfahrtskirche dienende Sakralbau des 14. und 15. Jahrhunderts steht erhöht im Zentrum des Areals. Bei dem Kirchenbau, der St. Dionysius und St. Valentinus geweiht ist, handelt es sich um eine Stufenhalle mit Netzgewölbe und Emporen. Der Chorraum endet in einem Polygon. Der Kirchenraum besticht durch seine opulente Ausstattung, die sich erst bei genauem Studium in großen Teilen als Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts zu erkennen gibt. So ist die Gestalt von Lettner und Sakramenthaus aus Bruchstücken der mittelalterlichen Originale bestimmt worden. Bemerkenswert ist ein seltenes Laiengestühl aus vorreformatorischer Zeit, wie es sich in dieser Vollständigkeit selten erhalten hat.


Angelehnt an die Kirchhofsmauer ragt im Süden des Areals mit der 1445 geweihten Michaelskapelle ein schlanker, filigraner Baukörper in die Höhe, der im Untergeschoss den Karner und im Obergeschoss eine Heiltumskapelle mit Außenkanzel birgt. Auf diese Weise konnten die Pilgerscharen der Reliquienweisung, der feierlichen Zurschaustellung der Reliquien des heiligen Valentinus, beiwohnen. Im Osten besitzt die Kapelle ein reich mit Maßwerk, Wimpergen und Fialen dekoriertes Chörlein. Der dritte Höhepunkt des Kirchhofbezirkes stellt die zwischen Kirche und Kapelle stehende große, freistehende Kreuzigungsgruppe mit Christus und den beiden Schächern aus Sandstein dar. Die stilistische Datierung führt ins frühe 17. Jahrhundert.


Das Zisterzienserkloster Eberbach
Kulturgeschichtliche Bedeutung der Abtei
Das Zisterzienserkloster Eberbach liegt am Südhang des Taunus einsam im Tal des Kisselbachs, wie es für mittelalterliche Zisterziensergründungen Usus war. Den Filmfreunden unter uns dürfte der Name aber aus einem anderen Grund ein Begriff sein. Für die Verfilmung des mittelalterlichen Kriminalromans Der Name der Rose von Umberto Eco wurden die Innenaufnahmen mit Sean Connery in der Hauptrolle in eben jener Abtei gedreht. Und das hatte einen triftigen Grund: Das gesamte Klosterareal und insbesondere die Innenräume sind zu den am besten erhaltenen europäischen Anlagen ihrer Art zu zählen. Eine authentischere mittelalterliche Filmkulisse wird man kaum finden können.

Eberbach war mit der Gründung im Jahre 1136 eine der ersten rechtsrheinischen Niederlassungen des Zisterzienserordens. Als Gründer und erster Vorsteher des Klosters ist Abt Ruthard überliefert. Die Grafen von Katzenelnbogen nutzten die Abteikirche als Familiengrablege. Entscheidender wirtschaftlicher Faktor für die Blüte des Klosters war wiederum der Weinanbau und eine daraus resultierende weitreichende Handelsaktivität mit zahlreichen Wirtschaftshöfen in Städten – vornehmlich entlang des Rheins. Die zentrale Bedeutung für die Weinwirtschaft spiegelt sich noch heute in den mittelalterlichen Räumen des Klosters mit ihren Weinkellern und Weinkeltern wider.


Architektur
Die Klosteranlage präsentiert sich in seltener Vollständigkeit und weitgehend unveränderter mittelalterlicher Bausubstanz, die in großen Teilen noch aus romanischer Zeit stammt. Sie entspricht den zisterziensischen Grundsätzen, die neben dem Gottesdienst das Gemeinschafts- und das Wirtschaftsleben in den Fokus rücken. Zudem ist im baulichen Bestand die typische Trennung zwischen Mönchen und Konversen, den Laienbrüdern, abzulesen.
Der Baubeginn der Klosterkirche ist um 1145 noch unter Abt Ruthard anzunehmen. Nach mehreren Unterbrechungen wurde der Bau bis 1186 vollendet. Von dem gleichzeitig begonnenen romanischen Kreuzgang hat sich nichts erhalten. Vom gotischen Kreuzgang, der seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Bau war, stehen noch West- und Nordflügel. Die Kirche ist ein beispielhafter basilikaler Bau der Zisterzienser mit Querhaus, geradem Chorschluss und einer Reihung östlicher Kapellen am Querhaus. Turmbauten im Westen oder an den Chorflanken fehlen. Damit und mit seiner schlichten Formensprache folgt der Sakralbau den idealen Baukonventionen der Zisterzienser. Der karge romanische Innenraum wirkt aufgrund der Monumentalität und der Reduzierung der Detailformen geradezu archaisch.

Ein weiterer Höhepunkt der Architektur der Klosterbauten ist das um 1270 begonnene Mönchsdormitorium. Wie die mönchischen Konventionen es reglementieren, findet sich der Schlafsaal im Obergeschoss. Die Formensprache des zweischiffigen Raumes, der sich über den gesamten Klausurostflügel erstreckt, wird von der Frühgotik mit Knospen- und Blattkapitellen auf kurzen Säulenschäften sowie hohen Kreuzrippengewölben geprägt. Allein die Dimensionen und die architektonische Einheitlichkeit des Saales mit insgesamt elf Jochen machen diese Architektur zu einem der besten Zeugnisse mittelalterlichen Klosterlebens in Mitteleuropa.

Rüdesheim am Rhein
Rüdesheim ist unzweifelhaft der bekannteste Ort im Rheingau. Entsprechend wird die Weinstadt von unzähligen Touristen – auch ausländischen – geradezu geflutet. Insbesondere die weltweit bekannte Drosselgasse mit zahlreichen Weinschänken ist zu Stoßzeiten kaum zu betreten. Die kleine Altstadt und die Landschaft rund um Rüdesheim sind zweifelsohne attraktiv, aber eine Exklusivität, die diesen Ansturm rechtfertigen würde, konnten wir nicht ausmachen. Ganz im Gegenteil besitzt Rüdesheim gegenüber Eltville den elementaren Nachteil, dass sich hier aufgrund der am Flussufer entlangziehenden Bahnlinie keine entsprechende Rheinpromenade mit Aufenthaltsqualität ausbilden konnte. Die Bausubstanz der Altstadt hat im Laufe der Zeit zahlreiche Verluste hinnehmen müssen. Einen speziellen Tipp haben wir aber dennoch: In der RheinWeinWelt kann man eine Weinprobe der besonderen Art erleben.

Rüdesheim ist schon in fränkischer Zeit bezeugt. 1128 wird ein erzbischöflicher Hof genannt. Der Ort diente zahlreichen Ministerialien als Sitz, weshalb sich auch hier wie in Eltville einige Adelshöfe finden lassen. Am auffälligsten ist die nah des Rheins stehende Niederburg (auch Brömserburg), die sich als kleine mittelalterliche Vierflügelanlage des 12. und 13. Jahrhunderts präsentiert. Bei der benachbarten Oberburg (auch Boosenburg) zeigt sich nur noch der Bergfried aus gleicher Zeit mittelalterlich. Von den übrigen auf dem Stadtgebiet verteilten Hofanlagen stellt sich primär der aus dem späten 13. Jahrhundert stammende Brömserhof mit einem spätmittelalterlichen Fachwerkturm als beachtlich dar.


Weindörfer am Rhein
Entlang des Rheins begegnen uns eine Reihe malerischer Winzerorte, die den einen oder anderen Halt wert sind. Allerdings haben sie fast ausnahmslos damit zu kämpfen, dass die Bahnlinie und die vielbefahrene Bundesstraße die hübschen Gassen mit ihren historischen Fachwerkhäusern vom Rheinufer abschneiden. Das trübt das Gesamtbild doch mancherorts erheblich. Namentlich sind von Ost nach West Walluf, Erbach, Hattenheim, Oestrich, Winkel (Gemeinde Oestrich-Winkel) und Geisenheim zu nennen.

Besonders in Erinnerung blieb uns das verwinkelte Oestrich mit seinem pittoresken Marktplatz und dem unmittelbar am Rhein stehenden historischen Oestricher Kran. Das heutige Bauwerk, das vorwiegend dem Verladen von Weinfässern diente, ist im Jahre 1745 errichtet worden. Zuvor existierte an dieser Stelle ein Schwimmkran, der bis ins 16. Jahrhundert nachweisbar ist. Am Rande von Winkel – tatsächlich befinden wir uns hier im Dorf Mittelheim, das mit Winkel baulich zusammengewachsen ist – steht die mächtige romanische Basilika St. Ägidius mit Vierungsturm aus dem 12. Jahrhundert inmitten von Weinfeldern und gibt ein besonders fotogenes Motiv ab. Das kleine, verwinkelte Hatteheim besticht durch eine Niederungsburg mit Wohnturm und eine Reihe Höfe mit besonders dekorativen Fachwerkhäusern des 16. bis 18. Jahrhunderts.


Geisenheim ist die größte der genannten Ortschaften. Seit dem 16. Jahrhundert wies es mit Markt und Ummauerung einen städtischen Charakter auf. Prägend für den Ort sind zahlreiche Adelshöfe und die als Rheingauer Dom bezeichnete spätgotische Pfarrkirche. Die stattliche Emporenhalle mit Doppelturmfassade wurde allerdings im 19. Jahrhundert entscheidend umgestaltet. Die auffällige Raumform ist verwandt mit der Kirche in Kiedrich und im mittlrheinischen St. Goar.


Weingüter und Klöster am Taunus
In Hanglage zwischen den Höhen des Taunus und dem Rheinufer reihen sich malerisch zahlreiche Weingüter – einige als bescheidene Höfe oder Anwesen, andere mit architektonisch deutlich sichtbarer Überlieferung. Das bekannteste ist unzweifelhaft das Weingut Schloss Johannisberg mit dazugehöriger Weinlage oberhalb von Geisenheim. Es steht beispielhaft für die Weinbautradition des Rheingaus. Die Gesamtanlage geht auf ein Klosterweingut zurück, das bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht. 1100 erfolgte die Gründung eines Benediktinerklosters. Anfang des 18. Jahrhunderts entsteht nach dem Verkauf der Güter durch den Mainzer Erzbischof an den Fuldaer Fürstabt ein Schlossbau als Sommerresidenz. Die barocke Anlage ist bis heute das weit über den Rhein sichtbare Zentrum des Weingutes Johannisberg. Die Klosterkirche wurde nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut.


Das Weingut Schloss Vollrads oberhalb des Ortes Oestrich-Winkel ist ein weiterer Kandidat, der für Kultur- und Weinliebhaber unbedingt einen Besuch wert ist. Es stellt ein herausragendes Beispiel eines über viele Jahrhunderte gewachsenen adligen Weinbausitzes dar. Das Geschlecht der Greiffenclau ist 1191 belegt, 1211 in Winkel als Dienstleute des Mainzer Erzbischofs nachweisbar. Bedeutendstes Bauwerk der Gesamtanlage ist der um 1330 entstandene Wohnturm. Zu den bekannteren Weingütern gehört zudem die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim. Der Weinbau wird dort ausdrücklich in die mittelalterliche Tradition Hildegards von Bingen und ihrer Gemeinschaft gestellt.

Das Niederwalddenkmal und das Rheinknie bei Bingen
Die Reihe der herausragenden Bauten an den Hängen des Taunus schließt ganz im Westen das monumentale Niederwalddenkmal mit der zentralen Kolossalstatue der Germania ab. Das Bauwerk entstand von 1877 bis 1883 als Erinnerung an die 1871 erfolgte Reichsgründung und gehört damit zu den patriotischen Nationaldenkmälern des Historismus in Deutschland. Es ist eines der Hauptwerke des Bildhauers Johannes Schilling. Bei den Planungen sollte die Wahl des Standortes am Rhein, dem deutschesten aller mitteleuropäischen Flüsse, eine besondere symbolische Rolle zukommen. Immer wieder war der Vater Rhein in der Geschichte des 19. Jahrhunderts Grenzfluss zum damaligen Erzfeind Frankreich.

Zum Abschluss unseres Kulturrundganges durch den Rheingau präsentieren wir einen besonderen Tipp für einen abwechslungsreichen Ausflug: mit der Seilbahn aus der Altstadt von Rüdesheim hinauf zum Denkmal, eine kurze Wanderung durch den Niederwald vorbei am Niederwalddenkmal und wieder hinunter an den Rhein mit der Niederwald-Seilbahn. Im gemütlichen Dorf Assmannshausen nimmt man eines der vielen Rheinschiffe zurück nach Rüdesheim. Dabei passiert man das Rheinknie mit der stolzen Burgruine Ehrenfels und dem im Fluss stehenden Binger Mäuseturm, der bereits im 14. Jahrhundert als Zollwachturm errichtet worden ist.


Diese kleine Rundreise durch den Rheingau führte uns durch eine Kulturlandschaft, die zahlreiche deutsche Wesenszüge vereint: Weinberge, mächtige Flussläufe, Fachwerkstädte, Klosterkultur. Der Rheingau wirkt in vielerlei Hinsicht wie die deutschen Lande en miniature. Seine Geschichte und Entwicklung sind dabei eng mit der Tradition des Weinbaus verknüpft. Aber nicht nur Weinliebhaber werden in dieser kleinteiligen, pittoresken Region besonders auf ihre Kosten kommen.



