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Das Zisterzienserkloster Lehnin

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Klosterkirche Lehnin - Zeichnung von W. Schuffenhauer 1882
Klosterkirche Lehnin – Zeichnung von W. Schuffenhauer 1882

Die Zisterzienser als mittelalterlicher Reformorden

Die Zisterzienser sind der erste Reformorden des Mittelalters. Ihr Name leitet sich vom Stammkloster Cîteaux in Burgund ab. Die Ursprünge des Ordens lagen in einem neuen religiösen Armutsideal. Nicht zuletzt deshalb siedelten sich Zisterzienser in der Regel in der Abgeschiedenheit an, wo sie entsprechend ihren Ordensregeln eine Eigenwirtschaft und eine asketische Lebensweise führten. Insbesondere das Wirken des Abtes Bernhard von Clairvaux verschaffte den Zisterziensern europaweite Bedeutung. Erste Tochtergründungen von Cîteaux wurden in den Jahren nach 1112 errichtet: La Ferté, Pontigny, Clairvaux, Morimond. Im Jahre 1123 folgte das Kloster Kamp am Niederrhein als erste Gründung auf deutschsprachigem Boden. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts verbreiteten sich die Filialen der Zisterzienser geradezu explosionsartig in ganz Europa. Allein auf Bernhard gingen 70 Gründungen zurück. Ihre Stoßkraft verlor der Orden ab 1250, auch weil mit den Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner eine neue Konkurrenz erwuchs.

Im Heiligen Römischen Reich waren es vorwiegend drei Zisterzen, die als Mutterklöster eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung des Ordens innehatten. Zum einen war dies das bereits erwähnte Kamp, zum anderen Ebrach in Franken und schließlich Heiligenkreuz in Niederösterreich. Die Bedeutung der Zisterzienser als Kulturpioniere führte insbesondere in Deutschland im 12. und 13. Jahrhundert dazu, dass sie mit Schenkungen der Landesherren dazu animiert wurden, sich in den entlegenen Grenzmarken anzusiedeln. Damit wurden sie im Osten des Reiches vielerorts zu Wegbereitern des Landesausbaus.

Geschichte des Klosters Lehnin

Mittelalter und frühe Neuzeit

Auch das Kloster Lehnin war so eine Zisterze in einer Grenzmark, der Mark Brandenburg. In der waldreichen Zauche gründete Markgraf Otto I. im Jahre 1180 die Abtei als Hauskloster und Grablege der askanischen Landesherren. Die Besiedlung der Niederlassung erfolgte wenig später vom Mutterkloster Sittichenbach bei Eisleben. Im 15. Jahrhundert wurde die Tradition der fürstlichen Grablege unter den Hohenzollern als Markgrafen erneuert. Das Kloster konnte auf dieser Grundlage zum reichsten Kloster der Mark Brandenburg aufsteigen.

Die stattliche Klosterkirche ist kurz nach Gründung des Klosters in den 1180er Jahren begonnen worden. Ihre Vollendung zog sich allerdings bis über die Mitte des 13. Jahrhunderts hin. Für 1262 und 1270 sind Weihedaten überliefert. Mit der Reformation wurde das Kloster zum kurfürstlichen Domänenamt umgewandelt und im 17. Jahrhundert der Westflügel der Klausur zum Jagdschloss erweitert. Die Kurfürstin Luise Henriette von Oranien machte Lehnin zu ihrer bevorzugten Sommerresidenz, was die ehemalige Klosteranlage zunächst vor weiterem Verfall bewahrte.

Rekonstruktion und heutige Nutzung

Um 1800 dienten die Klostergebäude als Steinbruch, was zu einem ruinösen Zustand der Bauten führte. Lediglich die Ostteile der Klosterkirche und eine Reihe spätmittelalterlicher Nebengebäude blieben von dem Raubbau verschont. 1871 bis 1877 erfolgte als früher und vorbildlicher Akt der Denkmalpflege eine auf Bauuntersuchungen und Grabungen fußende Rekonstruktion der fehlenden Teile der Klosterkirche. Auf dem weitläufigen Klostergelände befindet sich heute eine Rehabilitationsklinik, die auf das 1911 gegründete Luise-Henrietten-Stift zurückgeht. Teilweise ist der Klosterwirtschaftshof in die Einrichtung einbezogen.

Grundriss des Klosters Lehnin - Lithographie um 1830
Grundriss des ruinösen Klosters Lehnin – Lithographie um 1830

Gründungslegenden

Natürlich verfügt Lehnin über eine Gründungslegende, die aber im Reich der Märchen zu lokalisieren ist. Da sie allerdings die Grundlage für das Wappen der Gemeinde bildet, möchte ich sie dem Leser nicht vorenthalten: Demnach ist Markgraf Otto I. auf einem Jagdausflug in einer Ruhepause im Schlaf ein weißer Hirsch erschienen, dessen Angriffe er erst mit göttlicher Hilfe abwehren konnte. Der Hirsch stellte in diesem Kontext ein Symbol für das slawische Heidentum dar. Deshalb gelobte Otto, an dieser Stelle ein Kloster zu gründen, um die Missionierung voranzutreiben. Der Stumpf des Baumes, unter dem der Markgraf angeblich ruhte, ist in die Stufen des Chores der Klosterkirche eingemauert. Immerhin darf man in diesem Kontext anmerken, dass es nicht selten vorkam, dass in der mittelalterlichen Missionierung Kirchen an heidnischen Kultstätten errichtet wurden. Insofern mag in der Legende ein Fünkchen Wahrheit stecken.

Eine weitere Saga schildert die Ermordung des ersten Lehniner Abtes Sibold im Jahr 1190. Sie ist Ausdruck des starken Widerstandes der Slawen gegen die Zerstörung ihrer Kultorte sowie gegen die gewaltsame Missionierung. Sibolds Tod ist auf zwei Gemälden des 15. bzw. 16. Jahrhunderts im Kloster festgehalten. Mag ihr Wert als historische Quelle für die Frühgeschichte des Klosters auch gering ausfallen, so sind die Gemälde für die Erforschung der mittelalterlichen Gestalt der Klosterkirche von so großer Bedeutung, dass man sie bei der Rekonstruktion des bedeutenden Sakralbaus in den 1870er Jahren heranzog.

Tafelgemälde Lehnin - Ermordung des Abtes Sibold
Tafelgemälde über die Ermordung des Abtes Sibold, um 1480

Die Klosterkirche aus Backstein

Bauchronologie

Die kurz nach Gründung des Klosters begonnene Klosterkirche ist zu den ältesten Backsteinbauten nördlich der Alpen zu zählen. Trotz des zeitweisen Verfalls und der weitreichenden Rekonstruktion sind aber einzelne Bauphasen noch deutlich ablesbar. Am Obergaden des Langhauses zeichnet sich nach dem östlichsten Joch ein deutlicher Wechsel in der Formensprache ab. Der spätromanische Kreuzbogenfries weicht einem Plattenfries an der Nordseite und plastisch geformten Rundbögen im Süden. Fenster und Blenden tragen in den westlichen Jochen bereits frühgotische Züge.

Während der Zeitpunkt der Vollendung der Ostteile mittels einer dendrochronologischen Datierung am Dachwerk des südlichen Querarms in das Jahr 1213 recht präzise datiert werden kann, ist der zweite Bauabschnitt bis zur Westfassade aufgrund der Formensprache nicht vor der Mitte des 13. Jahrhunderts anzusetzen. Die Fertigstellung des gesamten Kirchenbaus ist um 1270 anzunehmen.

Baugestalt

Die Turmlosigkeit des Baukörpers ist dem asketischen Ideal der Zisterzienser geschuldet. Die repräsentative Gestaltung der Westfassade mit kräftigen, blendengeschmückten Strebpfeilern und Dreifenstergruppen dürfte dem Umstand der markgräflichen Grablege in Lehnin geschuldet sein. Bemerkenswert ist auch die Gliederung der Apsis, die nicht nur zu den ältesten Teilen des Baus gehört, sondern vor allem die Zeit weitgehend unverändert überdauert hat. Insgesamt drei Friesbänder – Kreuzbögen und Rundbögen – gliedern das Halbrund horizontal. Großformatige Fenster in zwei Reihen ermöglichen einen großzügigen Lichteinfall ins Innere des Chores. Diese mehrzonige Gestaltung ist im norddeutschen Backsteinbau singulär.

Lehnin - Zisterzienserklosterkirche
Die Klosterkirche von Nordosten

Das Innere der Kirche ist mit seiner strengen Monumentalität eine typische Basilika der Zisterzienser. Feingliedrig zeigen sich dagegen die bemerkenswert plastisch gestaltete Apsisgliederung sowie das Kreuzrippengewölbe, das den Kirchenraum vollständig überspannt. Letzteres stellt eine der ersten Rippenwölbungen Norddeutschlands dar. Auch im Innern sind die beiden Bauphasen durch den Wechsel der Formensprache und Wandstruktur nach dem ersten Langhausjoch deutlich auszumachen.

Lehnin - Zisterzienserklosterkirche - Mittelschiff
Mittelschiff der Klosterkirche nach Osten

Die mittelalterlichen Klosterbauten

Klausur und Königshaus

Trotz der vielen Verluste erwarten den Besucher des parkartigen Klostergeländes noch zahlreiche Zeugnisse der mittelalterlichen Klostergeschichte. Von der ehemaligen Klausur blieben hierbei nur geringe Reste aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts stehen. Von den Nebengebäuden ist das sogenannte Königshaus als repräsentativer Backsteinbau mit 1907 regotisiertem Schaugiebel hervorzuheben. Wahrscheinlich diente das Gebäude im Mittelalter als Hospital und ist im Kern ins frühe 14. Jahrhundert zu datieren. Südöstlich davon steht ein ebenfalls gotischer Bau (Falkonierhaus), der wohl als Gästehaus fungierte.

Torhäuser und Kornspeicher

Zwei mittelalterliche Torhäuser sind lokalisierbar. Malerisch ist vor allem die zweigeschossige Toranlage im Nordwesten des Klosterareals, die mit der dahinter aufsteigenden Westfassade der Klosterkirche und einem Abschnitt der Klostermauer einen guten Eindruck von der engen Bebauung mit differenzierter Gebäudenutzung eines mittelalterlichen Klosterbezirkes vermittelt. Im Osten des Wirtschaftshofes stehen Reste einer weiteren Toranlage mit dazugehöriger Torkapelle. Hier ist der ehemalige Hauptzugang zum Kloster anzunehmen. Südwestlich anschließend steht schließlich ein mächtiger Backsteinbau mit gotischen Giebelwänden. Das mehrfach umgestaltete Gebäude stellt den Kornspeicher des Klosters dar und ist archäologischen Untersuchungen zufolge eine dreischiffige Anlage gewesen. Davon zeugen die vermauerten Spitzbögen an den Längsseiten.

Das Kloster Lehnin bietet trotz des teilweise fragmentarischen Erhaltungszustandes einen guten Einblick in die mittelalterliche Spiritualität und das Wirtschaftsleben einer Zisterzienserabtei. In einem kleinen Museum im ehemaligen Amtshaus kann der Interessierte die Eindrücke vertiefen. Lehnin ist ein Ort, an dem die klösterliche Tradition Ora et labora noch allgegenwärtig zu sein scheint. Dazu trägt bis heute die Lange in der Abgeschiedenheit der brandenburgischen Wälder bei.

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